Wissenschaftliche Namen bei
Fleischfressenden Pflanzen erklärt
Taxonomie, Hybridformeln, Kultivarnamen und die Regeln, die alles regeln – von Linné bis Sarracenia × moorei
Wenn Sie tiefer in die Welt der fleischfressenden Pflanzen eintauchen, stoßen Sie schnell auf ein Meer lateinischer Namen, Abkürzungen und Kreuzzeichen. Sarracenia flava var. atropurpurea, Dionaea muscipula 'Dentate Traps', Sarracenia × moorei – was bedeutet das alles? Und warum verwenden Liebhaber diese Namen so konsequent anstelle gängiger Volksnamen? Dieser Artikel erklärt Schritt für Schritt die Logik hinter der wissenschaftlichen Benennung fleischfressender Pflanzen.
Warum keine Trivialnamen?
Das Problem mit Trivialnamen wird sofort deutlich, wenn man kurz darüber nachdenkt. Die "Venusfliegenfalle" ist im Deutschen ziemlich einzigartig, aber sobald man sich auf Englisch, Deutsch oder Französisch unterhält, entsteht schnell Verwirrung. Zudem können verschiedene Pflanzen denselben Trivialnamen tragen, oder eine Pflanze mehrere Namen in Umlauf haben.
Wissenschaftliche Namen lösen dieses Problem: Sie sind einzigartig, international und stabil. Ein Züchter in Japan, ein Botaniker in Brasilien und ein Liebhaber in Belgien verstehen alle genau dieselbe Pflanze, wenn sie Sarracenia leucophylla lesen. Das ist die Stärke des Systems, das der schwedische Botaniker Carolus Linnaeus im 18. Jahrhundert einführte.
Der Aufbau eines wissenschaftlichen Namens
Die Basis ist die binäre Nomenklatur: Jede Art erhält einen Namen, der aus zwei Teilen besteht. Zusammen sind diese beiden Teile weltweit einzigartig für diese Art.
Beispiel eines wissenschaftlichen Namens
Darunter gibt es noch weitere Verfeinerungsebenen, die man in der Sarracenia-Welt häufig findet:
| Rang | Beispiel | Wann verwendet? |
|---|---|---|
| Gattung / Genus | Sarracenia | Gruppe verwandter Arten |
| Art / Species | Sarracenia alata (Alph. Wood) | Die Basisart; Veröffentlichungsname in Klammern |
| Unterart / Subspecies | Sarracenia purpurea ssp. venosa | Geografisch oder morphologisch abweichende Population |
| Varietät | Sarracenia flava var. atropurpurea | Erkennbar abweichende Form, in der Natur vorkommend |
| Forma | Sarracenia flava f. viridescens | Kleine Abweichung, wie Farbmutation (z.B. Anthocyan frei) |
Taxonomie: eine lebendige Wissenschaft
Taxonomie ist die Wissenschaft, die Organismen einteilt und klassifiziert. Was viele Liebhaber überrascht: Diese Einteilung ist nicht statisch. Wenn neue Informationen verfügbar werden, heutzutage oft durch molekulare Studien und DNA-Analyse, können sich Klassifikationen und somit auch Namen ändern.
Es ist also durchaus möglich, dass eine fleischfressende Pflanze, die jetzt einen bestimmten Artnamen trägt, in einigen Jahren einen völlig anderen Namen haben wird. Das ist kein Fehler oder Willkür, sondern Wissenschaft, die sich auf der Grundlage neuer Erkenntnisse weiterentwickelt.
Hybriden: zwei Benennungsarten
Eine Hybride ist eine Pflanze mit genetischem Material von zwei verschiedenen Eltern. Bei Sarracenia kommen Hybriden sowohl in der Natur (wo Arten nebeneinander wachsen) als auch in Kultur vor. Es gibt zwei korrekte Arten, eine Hybride zu benennen.
Methode 1: Die Hybridformel
Sie geben beide Elternpflanzen an, verbunden mit einem Multiplikationszeichen. Die weibliche Elternpflanze steht traditionell zuerst.
Hybridformel: weiblicher Elternteil × männlicher Elternteil
Vorteil: sofort klar, welche Arten die Eltern sind. Nachteil: wird bei komplexen Rückkreuzungen lang.
Methode 2: Der Hybridname
Ein veröffentlichter Name, der offiziell nach den ICBN-Regeln festgelegt wurde. Kompakter, aber man muss den Namen kennen, um zu wissen, welche Arten die Eltern sind.
Veröffentlichter Hybridname
Das Multiplikationszeichen (× oder einfach x) macht deutlich, dass es sich um eine Hybride handelt. Beide Notationen sind korrekt.
Übersicht der veröffentlichten Hybridnamen bei Sarracenia
Die folgende Tabelle (aus Ellison et al., 2014) gibt einen Überblick über die veröffentlichten Hybridnamen. Die erste Spalte zeigt den Hybridnamen, die zweite die beiden Elternarten. Die übrigen Spalten zeigen, welche Namen von welchen Publikationen anerkannt wurden – denn auch hier sind sich Botaniker nicht immer einig.
Wer entscheidet, welcher Name richtig ist?
Es gibt kein Gesetz, das die Benennung erzwingt, aber zwei internationale Codes, die weltweit von Wissenschaftlern (weitgehend) respektiert werden:
Das Standardwerk für die botanische Benennung wilder Pflanzen. Enthält Regeln für Veröffentlichung, Priorität und Gültigkeit von Namen. Wird regelmäßig von einem internationalen Ausschuss überarbeitet.
Speziell für Kulturpflanzen, die außerhalb des regulären Rangordnungssystems fallen. Dies ist der Code, unter dem Kultivarnamen für ausgewählte Zuchtformen wie Sarracenia flava 'Waccamaw' veröffentlicht werden.
Kultivarnamen: ausgewählte Zuchtformen
Ein Kultivar ist eine Pflanze, die in Kultur aufgrund eines oder mehrerer besonderer Merkmale ausgewählt wurde. Denken Sie an einen außergewöhnlich großen Becher, ein seltenes Farbmuster oder eine besondere Wuchsform. Um als Kultivar veröffentlicht zu werden, muss die Pflanze drei Bedingungen erfüllen:
- Die Pflanze ist stabil: das ausgewählte Merkmal verschwindet bei weiterer Zucht nicht
- Die Pflanze ist einheitlich: alle Exemplare dieses Kultivars zeigen dasselbe Merkmal
- Die Pflanze ist von anderen Formen derselben Art zu unterscheiden
- Bei Vermehrung mittels der richtigen Methode (in der Beschreibung erwähnt) behält die Pflanze ihre Merkmale
- Der Kultivarname steht immer zwischen einfachen Anführungszeichen — niemals kursiv
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- Barrie, F. R., et al. (2012). International Code of Nomenclature for algae, fungi and plants (Melbourne Code) (Vol. 154). Koeltz Scientific Books.
- Brickell, C. D., et al. (2009). International Code of Nomenclature for Cultivated Plants. Scripta Horticulturae 10.
- Christenhusz, M. J. (2013). The code decoded. A user's guide to the International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants. Regnum Vegetabile 155.
- Ellison, A. M., Davis, C. C., Calie, P. J., & Naczi, R. F. (2014). Pitcher plants (Sarracenia) provide a 21st-century perspective on infraspecific ranks and interspecific hybrids. Systematic Botany, 39(3), 939–949.
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