Missgebildete Fallen an deiner fleischfressenden Pflanze?
Blattläuse erkannt und bekämpft
Von der Diagnose bis zur Behandlung: Schritt für Schritt, basierend auf Wissenschaft und praktischer Anzuchterfahrung
Gehst du stolz zu deiner Sarracenia (Schlauchpflanze) oder Dionaea muscipula (Venusfliegenfalle), um die neuen Frühlingsfallen zu bewundern, und siehst dann dies: krumme Becher, Fallen, die sich nicht richtig öffnen, oder Blätter mit einem faltigen Aussehen? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass du es mit Blattläusen an deiner fleischfressenden Pflanze zu tun hast. Und lassen wir gleich einen hartnäckigen Mythos aus der Welt schaffen: Fleischfressende Pflanzen schützen sich nicht automatisch vor Insektenplagen. Dennoch behaupten viele Webshops und Verkäufer mit ernster Miene: „Fleischfressende Pflanzen haben keine Probleme mit Insektenplagen, sie fressen sie ja schließlich auf! Biologische Schädlingsbekämpfung!“ Wir züchten unsere Pflanzen seit 15 Jahren selbst und geben dir gerne die Fakten.
Warum fressen sie die Blattläuse dann nicht einfach auf?
Für die meisten fleischfressenden Pflanzen ist eine Blattlaus einfach zu klein. Eine Drosera (Sonnentau) oder Pinguicula (Fettkraut) fängt zwar gelegentlich eine mit ihren klebrigen Blättern, aber das verhindert keine Blattlausplage an einer fleischfressenden Pflanze. Blattläuse nisten sich geradezu liebend gerne in den allerneuesten, zarten Wachstumspunkten ein. Sie saugen Säfte aus der jungen Falle, noch bevor diese ausgewachsen ist. Das Ergebnis sind die typischen missgebildeten Fallen bei der Venusfliegenfalle und krummen Becher bei der Sarracenia. Dies geschieht, weil die Blattläuse Zellen anstechen, während diese noch wachsen, wodurch sich die Gewebe ungleichmäßig dehnen.
Glücklicherweise sind viele fleischfressende Pflanzen, insbesondere die winterharten Arten, die draußen stehen, wesentlich weniger anfällig als die durchschnittliche Zimmerpflanze oder die Rosen in deinem Garten. Fleischfressende Pflanzen und Schädlinge gehen selten Hand in Hand, wenn die grundlegende Pflege stimmt.
Blattlaus oder Thrips? Manchmal ist der Unterschied entscheidend
Siehst du keine deutlichen Blattläuse, aber trotzdem missgebildete Fallen? Es kann sein, dass die Blattläuse bereits verschwunden sind. Eine andere Möglichkeit (besonders wenn die Pflanzen im Gewächshaus stehen) ist Thrips. Thripse sind kleine, längliche Insekten (oft kaum sichtbar), die manchmal (je nach Art) silbrige Flecken oder Verfärbungen auf Blättern und Fallen hinterlassen. Man kennt sie als typische Gewittertierchen!
- Mit bloßem Auge sichtbar (grün, schwarz oder braun), kann ungeflügelt oder geflügelt sein
- Nistet an jungen Wachstumspunkten anstelle von reifen Blättern
- Klebriger Honigtau als Nebenprodukt
- Im Freien: selten eine verheerende Plage
- Schrittweise Bekämpfung, beginnend mit Wasser
- Kaum sichtbar, besser mit einer Lupe erkennbar
- Deformierte Fallen als Schaden, bei starkem Befall sehen die Fallen manchmal geschmolzen aus
- Im Freien: selten ein großes Problem
- Im Gewächshaus: sofort eingreifen!
- Im Gewächshaus schnelle Generationenfolge
Zuerst das Grundlegende: Ist deine Pflanze überhaupt fit?
Als Züchter schauen wir immer zuerst auf die Grundpflege. Weniger gesunde Pflanzen sind viel anfälliger für Schädlinge an fleischfressenden Pflanzen. Stelle dir diese Fragen:
Wie lange steht die Pflanze schon im selben Topf? Ist es nicht Zeit für frische, nährstoffarme Torf-Perlit-Mischung oder Torfmoosmischung?
Bekommen die Pflanzen ausreichend direktes Sonnenlicht? Entscheidend für starke Gewebe, die für Blattläuse weniger attraktiv sind.
Nur Regenwasser, destilliertes oder Osmosewasser. Leitungswasser schwächt die Pflanze und macht sie anfälliger für Schädlinge.
Große Pflanze mit zwanzig Bechern und zwei missgebildeten? Dann ist oft wenig los. Mutter Natur regelt dies regelmäßig selbst.
Befallene Blätter: Wég- oder dranlassen?
Dies ist eine Frage, die viele Züchter beschäftigt, und die ehrliche Antwort lautet: es kommt darauf an. Der Schlüssel liegt im Prinzip des Source-Sink-Gleichgewichts: ein Begriff aus der Pflanzenbiologie und dem Gartenbau, der beschreibt, wie eine Pflanze Energie verteilt.
Gesunde, voll entwickelte Blätter sind Quellen (Sources): sie produzieren Zucker durch Photosynthese. Junge, wachsende Blätter und Wurzeln sind Senken (Sinks): sie verbrauchen Energie. Ein missgebildetes Blatt beteiligt sich immer noch an der Photosynthese. Weniger effizient als ein gesundes Blatt, aber nicht nutzlos!
✂️ Abschneiden oder dranlassen?
Verwende diese Faustregel basierend auf dem Source-Sink-Gleichgewicht:
Die Pflanze viele gesunde Blätter neben den befallenen hat. Sind viele Blattläuse auf dem Blatt? Dann entfernst du sofort einen Teil der Population. Missgebildete Blätter tragen wenig bei, wenn es bessere Alternativen gibt.
Die Pflanze wenig Blatt neben den befallenen Fallen hat. Missgebildete Blätter betreiben immer noch Photosynthese. Wenn du sie auch noch entfernst, entziehst du der Pflanze ihre einzige Energiequelle. Behandle die Blattläuse dann auf andere Weise.
Der IPM-Stufenplan: von Prävention bis zur Bekämpfung
Wir bekämpfen Blattläuse bei Sarracenia, Dionaea und anderen fleischfressenden Pflanzen nach den Prinzipien des IPM (Integrated Pest Management): integrierter Pflanzenschutz. Das bedeutet schrittweises Vorgehen: von Prävention über mechanische und biologische Maßnahmen bis hin zu gezielter chemischer Intervention, wenn es wirklich notwendig ist.
- Kaliumsalze (vergleichbar mit milder Seife): mild und effektiv
- Neemöl: gute Kontaktwirkung, leicht systemisch
- Pyrethrine: schnell und effektiv, aber breit wirkend, siehe Warnung
Sprühtipp: Sprühe immer am späten Abend, wenn die Sonne von den Pflanzen gewichen ist, um Verbrennungen zu vermeiden.
Wie schnell werden Pflanzenschutzmittel abgebaut?
Ein praktischer, aber oft vergessener Aspekt: die Abbaugeschwindigkeit des Mittels. Dies bestimmt, wie lange Rückstände auf der Pflanze verbleiben und ob nützliche Insekten, die später vorbeikommen, noch einem Risiko ausgesetzt sind.
| Mittel | Abbau | Was bedeutet das? |
|---|---|---|
| Pyrethrine | Sehr schnell (Stunden–1 Tag) | Bauen sich schnell bei Sonnenlicht und Luft ab. Wirksam am Abend, am nächsten Tag größtenteils verschwunden. Aber: auch nützliche Insekten wie Bienen werden betroffen. Nur auf nicht blühenden Pflanzen anwenden. |
| Kaliumsalze / Seife | Schnell (Stunden) | Wirken ausschließlich als Kontaktmittel und hinterlassen keine Rückstände. Sicher für nützliche Insekten, sobald das Mittel getrocknet ist. |
| Neemöl | Mittel (einige Tage) | Leicht systemische Wirkung, bleibt etwas länger aktiv. Auch an schwer zugänglichen Stellen wirksam. Kontakt mit offenen Fallen vermeiden. |
| Systemische Insektizide | Langsam (Wochen) | Werden von der Pflanze aufgenommen. Bei einem einfachen Blattlausbefall raten wir davon ab. Sie sind jedoch nützlich in (professionellen) Gewächshäusern und bei sehr hartnäckigen, versteckten Schädlingen, die man mit Kontaktsprays nicht erreicht, wie z. B. Wollläusen oder Wurzelläusen. Vorsicht im Freien: Rückstände in den Fallen können auch nützliche Insekten schädigen. |
Befolgen Sie immer die empfohlene Dosierung auf der Verpackung, mehr ist nicht besser und kann empfindliche Fallen beschädigen. Wechseln Sie außerdem ab: Verwenden Sie niemals zweimal hintereinander dasselbe Mittel (oder ein Mittel mit demselben Wirkstoff oder demselben Wirkungsspektrum). Insekten entwickeln schnell Resistenzen. Wenn die überlebenden Blattläuse bei Sarracenia resistent werden, haben Sie erst wirklich ein Problem.
Beachten Sie das Wirkungsspektrum: Der Wechsel des Markennamens oder des Wirkstoffs hilft nicht, wenn das biologische Wirkungsspektrum (die Art der Ausschaltung) identisch ist. Mittel derselben chemischen Subklasse verursachen dennoch Kreuzresistenzen. Überprüfen Sie daher den IRAC-Code auf der Verpackung oder suchen Sie online danach, um sicherzustellen, dass Sie wirklich eine andere Art von Barriere aufbauen.
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